
Digitale Technologien sind in den meisten Unternehmen längst mehr als unterstützende Werkzeuge – sie sind die geschäftskritische Basis. Das Problem: Nur wenige Anbieter beherrschen den Markt für IT-Infrastruktur und IT-Services, von Hardware über Cloud bis KI. Zugleich sind IT-Infrastrukturen heute so komplex, dass ein Anbieter- oder Softwarewechsel kaum realistisch ist. Sind Unternehmen nicht längst abhängig von den großen US-Tech-Konzernen? Wie lässt sich diese Abhängigkeit mindern? Drei Fragen an Andreas Jäger, Teamlead New Business & Solution Design bei Sycor.
Andreas, IT-Verantwortlichen erscheint die Diskussion um Digitale Souveränität meist etwas praxisfern. Beinahe das gesamte Geschäft hängt von einer leistungsstarken, kompatiblen und funktionierenden IT-Infrastruktur ab. Ohne die Technologien von US-Konzernen geht es kaum. Ist Digitale Souveränität überhaupt realistisch?
Digital souverän zu agieren heißt, die Kontrolle über Daten, Technologien und damit zusammenhängende Entscheidungen zu behalten. Das ist kein Nice-to-have, sondern ebenso geschäftskritisch wie die IT-Infrastruktur selbst. Aber es stimmt: Wenn man die Diskussion darauf reduziert, dass Unternehmen, die AWS, Azure, Microsoft Office oder Server mit Intel-Chips nutzen, nun andere Technologien nutzen sollten, ist das fernab der Realität. Viele dieser Technologien steuern zentrale Prozesse und können nicht von heute auf morgen ausgetauscht werden.
Und mehr noch: Eine europäische Cloud beispielsweise sorgt nicht automatisch für Digitale Souveränität. Vielmehr geht es darum, Abhängigkeiten und Risiken zu kennen, diese zu managen, Exit-Strategien zu entwickeln und Entscheidungen nicht vollständig an externe Plattformen oder Anbieter abzugeben. Digitale Souveränität ist kein IT-Thema, sondern eine Management-Aufgabe.
Geschäftsführende und CIOs sollten sich damit beschäftigen, weil nicht weniger als das tägliche Business davon abhängt. Wer von einem Cloud-Anbieter abhängig ist, muss mit dessen Preispolitik leben. Wer ohne Sicherheitskonzept ein KI-Modell benutzt, weiß wahrscheinlich nicht, was mit seinen Daten passiert. Wer sich zu fest an das Ökosystem eines Anbieters bindet, ist auf dessen Anwendungen angewiesen oder muss Mehraufwände für Integrationen in Kauf nehmen. Das sind nur einige Beispiele dafür, wann digitale Abhängigkeit unangenehm werden kann.
Zudem spielen äußere Faktoren eine immer größere Rolle: Geopolitische Spannungen machen Lieferketten anfälliger und interkontinentale Datenverarbeitung sensibler. Immer häufiger geht es um politische Rahmenbedingungen, Kontrolle über Datenflüsse und gesetzliche Vorgaben. Die Intentionen von DSGVO, Data Act und AI Act sind unbestritten sinnvoll, ihre Einhaltung aber für Unternehmen durchaus herausfordernd.
Digitale Souveränität ist keine Funktion einer IT-Lösung oder ein Zertifikat, dass man erwerben kann. Der wichtige erste Schritt ist, sie als strategische Fähigkeit des Unternehmens zu betrachten und sich über die verschiedenen Dimensionen und Hebel zu informieren. Es gibt viele Missverständnisse und einen Buzzword-Dschungel rund um Digitale Souveränität.
Außerdem empfehle ich eine strukturierte Analyse der eigenen Situation. Mit Hilfe einer „Souveränitätsinventur“ erkennen Verantwortliche kritische Abhängigkeiten und deren konkrete Auswirkungen auf die eigenen Prozesse. Daraufhin sollten Mindeststandards festgelegt werden, die einen Rahmen definieren, welche Risiken tragbar sind und welche nicht. Es lohnt sich zudem immer, bestehende Verträge zu prüfen: Ist ein Anbieterwechsel unkompliziert möglich? Wie sieht die Exit-Strategie aus?
Schließlich braucht es konkrete Maßnahmen und einen IT-Governance-Prozess, der fest im täglichen Business verankert ist und der von der Geschäftsführung mitgetragen wird. Schritt für Schritt erreichen Unternehmen so mehr Souveränität und bleiben auch dann handlungsfähig, wenn sich Rahmenbedingungen ändern.
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